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- Die Übersetzerin und der fehlende Klang
Leonie arbeitete an der Übersetzung einer kurzen Erzählung, in der das Geräusch des Regens eine wichtige Rolle spielte. Der ursprüngliche Text verwendete ein Wort, dessen Klang an feine Tropfen auf einem Blechdach erinnerte. Im Deutschen gab es zwar mehrere ähnliche Ausdrücke, aber keiner trug genau dieselbe Stimmung. Leonie konnte die Bedeutung problemlos wiedergeben, doch ihr fehlte das leise, beinahe rhythmische Gefühl des Originals. Sie legte verschiedene Fassungen nebeneinander und las sie laut. Manche klangen sehr schön, entfernten sich aber zu weit vom tatsächlichen Geschehen. Um die passende Lösung zu finden, betrachtete sie nicht nur den betreffenden Satz, sondern die ganze Szene. Die Hauptfigur wartete in einem fremden Zimmer auf eine Nachricht und hörte dem Regen zu. Für die Handlung war deshalb weniger die exakte Nachahmung eines Geräusches wichtig als das langsame Verstreichen der Zeit. Leonie entschied sich für eine Formulierung, die Bewegung und Dauer verband. Danach prüfte sie, ob die Bilder in den folgenden Absätzen noch zusammenpassten. Sie änderte auch eine Stelle, an der eine wörtliche Übertragung im Deutschen unnatürlich gewirkt hätte. Später besprach sie ihre Entscheidung mit einem Kollegen. Er schlug eine andere Version vor, die näher an der Satzstruktur des Originals blieb. Beide verglichen ihre Texte und erklärten, welche Wirkung sie erhalten wollten. Keiner behauptete, allein die endgültig richtige Antwort gefunden zu haben. Übersetzen, so wurde im Gespräch deutlich, bedeutet häufig, zwischen mehreren guten Möglichkeiten begründet zu wählen. Der übersetzte Text soll eigenständig lesbar sein und zugleich respektvoll mit dem Ausgangswerk umgehen. Als Leonie die überarbeitete Szene am Abend erneut las, hörte sie den Regen beinahe vor ihrem inneren Ohr. Der Ausdruck war nicht derselbe wie in der Vorlage, aber die stille Erwartung der Hauptfigur blieb lebendig. Genau darauf hatte sie hingearbeitet. In ihrem Arbeitsprotokoll hielt Leonie beide Fassungen und die Gründe für ihre Wahl fest. Falls später Fragen aus dem Lektorat kämen, konnte sie ihre Entscheidung nachvollziehbar erklären. Übersetzen blieb für sie damit zugleich eine sprachliche, gestalterische und sorgfältig dokumentierte Tätigkeit.